Erdbeben in Mittelitalien

Erdbeben in Mittelitalien

//Übertragung ins Deutsche von Maren Paetzold//

Es war einmal ein historisches Städtchen, oder vielmehr 131 …

Ich sitze gerade vor einem Teller dampfender Spaghetti all’Amatriciana, als mein Telefon klingelt, die Nummer unbekannt: „Herr Architekt, sind Sie etwa nicht in Rieti?“ „Nein, warum? Ich bin in Bologna! Mit wem spreche ich denn bitte?“ Und so beginnt ein langes Gespräch darüber, warum ich nicht im Hauptquartier des italienischen Katastrophenschutzes bin. Dabei hatte ich schon seit Längerem meine Zusage bekundet, als freiwilliger Gebäudegutachter zu dienen: Die FAST-Teams (italienisch für Fabbricati per l’Agibilità Sintetica post-Terremoto, das Verfahren der Gebäudeprüfung nach Erdbeben) unterstützen die Durchführung der dringenden Gebäudebeurteilung, die angesichts der kürzlich aufgetretenen Erdbeben vorgenommen werden. Durch ein Versehen wurden allerdings einige aus den Teams so wie ich nicht informiert. Nach mehreren Beben hat der Erdstoß der Stärke 6,5 am 30. Oktober 2016 ganze Regionen entlang des zentralitalienischen Apennins endgültig in die Knie gezwungen. Die Architekten- und Ingenieurkammern bitten die Experten aus den Reihen ihrer Mitglieder, mittlerweile alle zwei Jahre, an der Kampagne zur Begutachtung beschädigter Gebäude teilzunehmen. Dies ist nur ein erster Schritt eines langen Prozesses mit dem Ziel, Städte und Dörfer wieder aufzubauen und den Bestand zu sichern.

Die Erdbebenwelle

Als der Erdstoß kam, war ich weniger als 70 Kilometer vom Epizentrum entfernt im Haus meiner Eltern. Voller Schrecken liefen wir in den Garten hinaus. Ein Erdbeben unter freiem Himmel zu erleben war noch schockierender als innerhalb des Hauses. Die Erde begann sich wie eine Wasseroberfläche aufzuschaukeln und Bäume gleich welcher Größe wogen im Gleichklang ihre kahlen Wipfel, aber die Bewegung passte ganz und gar nicht zum Wind. Der gesamte Landstrich wurde von einer langen und mächtigen Vibration durchzogen, die über eine Minute andauerte, und kaum war sie abgeebbt, hatten bereits 30.000 Personen ihr Dach über dem Kopf verloren.
131 Gemeinden mit etwa 350.000 Bewohnern
sind vom Erdbeben betroffen: Bergregionen, Hochplateaus und fruchtbare Täler, Industriezonen mit innovativen Branchen, die Heimat von Design und Mode; die anerkanntesten Lebensmittelproduzenten Mittelitaliens, die schönsten Schuhwaren Europas. Ein Volk von fleißigen Arbeiter und unbeugsamen Menschen.

Der Notstand

Der Schutt muss abgeräumt, die Kunstwerke in Sicherheit gebracht werden. Gerade erst wurde die aus dem 18. Jahrhundert stammende große Glocke des Kirchturms von Arquata del Tronto geborgen. Vor kurzem war der Präsident der Italienischen Republik in Amatrice, um eine neue Schulmensa einzuweihen. Zeigte sich der Winter bisher milde, so geben die Vorhersagen für die kommenden Wochen Anlass zur Sorge: Eine Kaltfront mit Schnee und Eis zieht heran. Ich wage nicht, mir das unter den schlechten Bedingungen derjenigen, die ihre Häuser verloren haben und in Notunterkünften hausen müssen, für einen langen Winter auszumalen.

Das Ausmaß des Erdbebengebiets

Der Krater ist enorm. Er umfasst ein Gebiet von circa 1.000 Quadratkilometern, verteilt über vier Regionen (Marken, Umbrien, Latium und Abruzzen) und sechs Provinzen (Perugia, Macerata, Ascoli, Fermo, Rieti und Teramo). Auf 130 Quadratkilometern in seinem Inneren weist er die größten Verwerfungen auf. Rund um das Epizentrum hat sich der Erdboden um bis zu 70 Zentimeter abgesenkt. Den Angaben des Katastrophenschutzes nach sind etwa 200.000 Bauwerke betroffen. Ein Kollege, der bereits als Gebäudegutachter im Einsatz war, berichtet, dass fast die Hälfte der zu untersuchenden Häuser nur geringe, reparable Schäden aufweist. Viele Betroffene werden bald in ihre Häuser zurückkehren können, sofern die Begutachtungen rascher vonstattengehen und mehr Freiwillige hinzukommen.

Kein Dach mehr über dem Kopf

Letzte Woche war ich in Fermo, einem Hügelstädtchen in den südlichen Marken und nur 50 Kilometer vom Erdbebenherd entfernt, um die Schäden an einem historischen Gebäude zu prüfen. An den Ursprungsbau aus dem 16. Jahrhundert fügt sich ein Anbau vom Ende des 17. Jahrhunderts. Die beiden Gebäudeabschnitte, die über 300 Jahre vereint waren, wurden nun getrennt. Der jüngere Gebäudeteil hat sich in Richtung Tal abgesenkt und es haben sich erschreckend große Risse gebildet: man kann mit der Hand hindurchgreifen. Die Gewölbedecken aus camorcanna, einer traditionellen Konstruktion aus Holzrippen und Schilfrohr-Flechtwerk, haben gelitten und der Gipsputz tropft wie große Tränen herab. In der Familienkappelle zeigt sich ein betrübliches Bild: überall herabgestürzte Freskenstücke und zu Boden gerissene Kerzenständer, Türen und Fenster hängen schief in den Angeln.

Die Organisation des Wiederaufbaus

Nach den Feiertagen ist der Verwaltungsapparat wieder angelaufen. Der Sonderbeauftragte für den Wiederaufbau kann sich auf seine Erfahrungen aus dem Wiederaufbau in der Emilia Romagna stützen, wo 2012 ebenfalls Erdbebenschäden zu beklagen waren. Daher ist anzunehmen, dass für Rekonstruktion und Reparatur dieselben Verfahren und Finanzierungen zur Anwendung kommen. Seinerzeit gab es für Bauschäden in den am stärksten betroffenen Gebieten Finanzhilfen in der Größenordnung von ca. 550 bis 1450 Euro/m² für Erstwohnsitze und um 50 % reduzierte Mittel für nicht bewohnte Häuser oder ungenutzte Gewerbebauten; für Gebäude außerhalb der Verwerfungszone hingegen gab es für Reparaturen eine um die Hälfte reduzierte Finanzierung.

Das Schreckgespenst der Geisterorte

Manche Orte werden sich niemals mehr erholen. Meine Gedanken wandern nach Castelluccio di Norcia, berühmt für seine Linsen, ein Produkt mit geschützter Herkunftsbezeichnung, und seine Täler mit ihrer Blütenpracht im Frühling, die auf unzähligen Fotos verewigt sind. Hier sind 80 % der Bauten unbewohnbar geworden, die Einwohner haben buchstäblich kein Dach mehr über dem Kopf. Wenn in zehn Jahren vielleicht an eine Rückkehr zu denken ist, werden viele ältere Menschen nicht mehr ohne Hilfe dort leben können, während die jüngere Generation längst anderswo ihre Wurzeln geschlagen hat. Mehr als 20 alte Ortskerne und Städte, die es schwer getroffenen hat, formen das Herzstück dieser Bergregion – der nun die Preisgabe droht. Bereits L’Aquila, die Hauptstadt der Abruzzen, ist seit dem Erdbeben vom 6. April 2009 nur noch ein Schatten ihrer selbst.