ILfest – Italienisches Literaturfestival in Deutschland

ILfest – Italienisches Literaturfestival in Deutschland

»Weißt Du vielleicht, warum Jean Berbeck zu reden aufgehört hat?« fragte er ihn.
‎‎»Das ist eines der vielen Dinge, über die er nie gesprochen hat.«
Aus dem Roman Seide von Alessandro Baricco, in der Übersetzung von Karin Krieger

//Mai 2019: Beitrag von Vittorio Petrella, deutsche Fassung von Maren Paetzold//

Italienische Literatur zu Gast in München

Das neue italienische Literaturfestival ILfest wurde ins Leben gerufen, um sich auszutauschen, zu diskutieren und Geschichten zu erzählen. Es wird getragen von dem Vergnügen am Lesen, an sprachlichen Debatten, der Begeisterung für Literatur und dem Interesse an einer persönlichen Begegnung mit den Autoren. Das einzige Festival in Deutschland, das sich voll und ganz der italienischen Literatur widmet und die Neugier an italienischen Büchern pflegt und fördert, öffnet 2019 zum ersten Mal seine Pforten.
Die Veranstaltung findet vom 24. bis 26. Mai 2019 in der Kultur-Fabrik am Pasinger Bahnhof in München statt. Die Organisatoren sind Elisabetta Cavani, Inhaberin der italienischen Buchhandlung ItalLIBRI, das Italienische Kulturinstitut München und die Pasinger Fabrik. Das Festival steht unter der Schirmherrschaft des Italienischen Generalkonsulats und wird vom Kulturreferat der Stadt München gefördert.

Ein zeitgenössisches Literaturfest: Reaktionen auf den Wandel

Angesichts eines veränderten Verhältnisses zwischen Leser und Literatur, der aktuellen Entwicklung im Leseverhalten und der zunehmenden Verwendung von E-Books ist ILfest die Antwort auf die wachsende Nachfrage nach einem Austausch mit den Autoren – einem Phänomen, das einen willkommenen Kontrapunkt zu den sinkenden Verkaufszahlen beim gedruckten Buch bildet. Dabei zielt das Literaturfest auf hochwertige kulturelle Unterhaltung und bietet Gelegenheit zu Begegnungen mit Autoren und zu Autorenlesungen. Darüber hinaus können Besucher Emotionen mit anderen Literaturbegeisterten teilen, die die Bücher bereits gelesen haben oder dies noch vorhaben.
München ist nicht zufällig Veranstaltungsort für ein Festival zu italienischer Literatur: Die Stadt steht nicht nur für die geografische Nähe zu Italien, sondern ist auch ein wichtiges Zentrum für den Austausch zwischen Deutschland und Italien. Hier kommen kulturelle Affinität, ein großes Interesse an der italienischen Sprache – mehr als 10.000 Münchner lernen die Sprache Dante Alighieris – sowie eine große italienische Community zusammen.

Das Programm des ILfest 2019

Das Literaturfest will als Schaufenster für die aktuelle italienische Literatur und ihre Lebendigkeit und Vielfalt fungieren. Es soll ein umfassender Überblick zur „Vielfalt der Erzählweisen“ geboten werden, da diese in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen und sowohl zum wachsenden Erfolg literarischer Genres wie Krimi und Dystopie als auch zur Entwicklung von Graphic Novels beigetragen haben. Das gilt auch für die zunehmende Beliebtheit des Serienformats (als Buch oder TV-Serie).
Während der drei Festivaltage werden die Stimmen/Voci das Publikum begleiten und die Besucher durch die Veranstaltung führen: die Stimmen der Protagonisten auf den Bühnen, die Stimmen der Autoren und die Stimmen der Übersetzer und Dolmetscher, die kaum bekannte Werke in die andere Sprache übertragen. Wie ein roter Faden ziehen sich diese Stimmen durch die verschiedenen Programmpunkte: sie verbinden Lesungen und Gespräche mit den Autoren von Belletristik, Sach- und Kinderbüchern mit einer Podiumsdiskussion zur italienischen und deutschen Verlagswelt und einer Diskussionsrunde von Übersetzern zu den Herausforderungen beim Umgang mit zwei Sprachen.
Auch das Auge kommt nicht zu kurz: Dafür sorgen eine Fotoausstellung zu bekannten Schriftstellern und zum Abschluss des Festivals eine Episode der erfolgreichen TV-Krimiserie I bastardi di Pizzofalcone, nach der Romanvorlage Die Gauner von Pizzofalcone von Maurizio de Giovanni.

Autorenlesungen und Begegnungen mit Autoren

Literatur in Schrift und Bild

Die Vernissage der begleitenden Fotoausstellung zu italienischen Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts eröffnet das Münchner Festival. Die Fotoschau wurde von Isabel von Ehrlich gemeinsam mit Masterstudierenden und Doktoranden der Münchner Universität konzipiert und ist einer Reihe von italienischen Schriftstellern – wie Merini, Calvino, Eco, Buzzati und Vittorini – gewidmet, die prägend waren für die italienische Kultur im 20. Jahrhundert. Die Übersetzungen ihrer Werke ins Deutsche haben das Bild Italiens und der italienischen Literatur nicht nur aus deutscher Sicht, sondern im Allgemeinen wesentlich mitgeformt.
Bevor zum Abschluss des ersten Abends Jazz vom Marrali Tucci Quartett ertönt, bietet das Gespräch mit dem Wirtschaftswissenschaftler und Hochschullehrer Francesco Magris zu seinem Essay Die Grenze einen Blick auf die „Randzonen menschlichen Zusammenlebens“.

Literatur für große und kleine Leser

Insbesondere an Kinder wendet sich ein Programmpunkt mit Silvia Vecchini: Sie stellt ihr Buch Telefonata con il pesce vor, das gemeinsam mit dem Autoren und Comiczeichner Antonio „Sualzo“ Vincenti entstanden ist. In dem Workshop für Kinder Wie man Comicfiguren zeichnet zeigt er seine Graphic Novels und weitere illustrierte Werke, in denen der Comic einen poetischen Dialog eingeht und zum bewegtem Bild wird; er begleitet die Leser beim spielerischen Zeichnen und Erfinden von eigenen Figuren.
In einem weiteren Workshop für Kinder können die schönsten Orte Italiens entdeckt werden: Scopriamo i più bei borghi d’Italia. Ebenfalls an junge Leser richten sich die Präsentationen zum italienischen Literaturpreis für Kinder- und Jugendbücher, dem Premio Strega Ragazze e Ragazzi.

Im Gespräch mit Erika Bianchi geht es um ihren Roman Il contrario delle lucertole/Wir sind nicht wie Eidechsen, der die Geschichte von vier Generationen im Rückwärtsgang erzählt: von der Gegenwart bis zu der Nacht, in der alles seinen Anfang nahm; in jedem Kapitel übernimmt eine andere Figur das Wort und fügt so der Geschichte eine neue Facette hinzu.

Romane in Versform sind das Hauptthema im gemeinsamen Auftritt von Francesco Targhetta und Fabio Alborghetti, aber auch ihre neuen Werke Le vite potenziali/Lebensentwürfe und Maiser bieten viel Gesprächsstoff.
Das erzählerische und inhaltliche Gerüst des in Versform verfassten Romans von Targhetta fußt auf den ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen der drei Protagonisten; tragende Elemente sind sein harmonischer Stil und sein sprachlicher Reichtum.
Alborghettis poetische Erzählung führt uns in die Nachkriegszeit: Es wird die Geschichte einer Großfamilie erzählt, die aus dem Süden Italiens in die Schweiz emigriert. Alborghetti lenkt dabei den Blick vom Einzelschicksal auf die kollektive Erinnerung, vom gewöhnlichen Arbeitsalltag auf soziale Aspekte.

Die Schriftstellerin Raffaella Romagnolo stellt im Rahmen einer Lesung ihr Buch Bella Ciao vor: Der Roman verbindet Liebe, Freundschaften, politisches Aufbegehren und Partisanenbewegung. Mit der Reise einer Frau zurück in ihre alte Heimat zeichnet er ein faszinierendes Portrait Italiens im 20. Jahrhundert.

Die italienische Sprache in vielen Facetten

Die Begegnung mit Stefano Jossa – Dozent für italienische Literatur, Kultur und Sprache in London – stellt die italienische Sprache in den Mittelpunkt: Nicht umsonst trägt sein Essay den beschwörenden Titel La più bella del mondo. Perché amare la lingua italiana. Er nimmt uns mit auf eine Reise zu Gebrauch und Geschichte einer wundervollen Sprache, die Vielfalt und Abwechslung bietet: ein besonderer Reichtum an bildlichen Ausdrücken in der Alltagssprache, vielschichtige Begrifflichkeiten und außerordentliche lyrische Möglichkeiten, die von den Dichtern des Dolce stil nuovo im 13. Jahrhundert eingeführt wurden und heute von der Rapmusik wiederbelebt werden.

In der Begegnung mit Omar di Monopoli werden seine Romane Uomini e cani/Von Männern und Hunden und Nella perfida terra di Dio besprochen. Seinen Büchern, die im tiefen Süden des Salento vor Wildwestkulisse spielen, wird eine meisterhafte Vermischung von literarischer Sprache und apulischem Dialekt zugesprochen, eine imaginierte Realität, ein Splatter-Neorealismus.

Die Lesung mit Antonella Lattanzi stellt ihren Roman Una storia nera/Noch war es Nacht vor: provozierende Themen wie Frauenmord und die psychologischen Konstellationen einer Familie. Mit ihrer mitreißenden, frenetischen Erzählweise – einer Art Bewusstseinsstrom – wirft die Autorin die Frage auf, wo die Trennlinie zwischen Gut und Böse verläuft, zwischen Schuld und Gerechtigkeit, zwischen Liebe und Gewalt.

Italienische Literatur in Deutschland

Erst mithilfe deutscher Verlage und Übersetzungen ins Deutsche finden italienische Werke den Weg zu uns: In einer Podiumsdiskussion zum italienischen und deutschen Verlagswesen treten Verleger aus beiden Ländern in den Austausch.
In einer Diskussionsrunde mit italienischen und deutschen Übersetzern wird die Frage nach der Bedeutung der übersetzerischen Arbeit gestellt: Indem Bücher in einer anderen Sprache zugänglich gemacht werden, tragen Übersetzerin und Übersetzer dazu bei, unsere Vorstellung von fremden Ländern und Kulturen zu bilden und zu erweitern. Über Sprachen, Kunstgriffe und Trugschlüsse sprechen Fabio Cremonesi, Maja Pflug, Luis Ruby und Viktoria von Schirach.

Liebhaber der italienischen Literatur sollten sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, ILfest – das italienische Literaturfestival 2019 in der Pasinger Fabrik in München zu besuchen!

Vittorio Petrella, Mitglied von Punto Italiano, gehört in die Reihe unheilbarer Bücher- und Literaturliebhaber, und seit ein paar Jahren widmet er sich zudem liebend gern dem Vorlesen in zwei Sprachen für seine Kinder.

Punto Italiano ist eine Gruppe unabhängiger Übersetzer, die auch für Verlagshäuser und Literaturübersetzungen vom Italienischen ins Deutsche und umgekehrt zur Verfügung steht.