In bocca al lupo! Sprichwörter und Redensarten

In bocca al lupo! Sprichwörter und Redensarten

Beitrag von Tatjana Heckmann | Oktober 2019

Geflügelte Worte für alle Lebenslagen

Nur wenige Dinge spiegeln den Charakter einer Kultur so gut wider wie Sprichwörter und Redensarten. Jeder kennt sie, man bekommt sie mit der Muttersprache in die Wiege gelegt und im Großen und Ganzen gibt es für jede Situation den passenden Spruch. Selbst wenn man nicht zu den Menschen gehört, die jederzeit eine treffende Redensart parat haben, gehören solche Redewendungen zweifellos zum kulturellen Erbe und man versteht in der Regel ohne weitere Erklärung, was gemeint ist.

Für Übersetzer und Dolmetscher ist dieser Teil der Sprache ein besonders interessanter, wenn auch nicht ganz unproblematischer, Bereich. Da volkstümliche Lebensweisheiten sehr eng mit der jeweiligen Kultur verknüpft sind, ist es oft schwierig, sie zu übersetzen und ihre Aussage in einen anderen kulturellen Zusammenhang zu transportieren. Die Sprachwissenschaft spricht in diesem Kontext vom „sprachlichen Zugriff“ auf die „außersprachliche Welt“. Oder anders gesagt: Eine Sache kommt sowohl in der einen Kultur als auch in der anderen vor, die Wahrnehmung und das damit verbundene gedankliche Konzept ist jedoch ein anderes.

So sieht sich der Übersetzer oder Dolmetscher vor die Aufgabe gestellt, zu entscheiden, ob es in der Zielsprache eine Eins-zu-Eins-Entsprechung gibt (im europäischen Sprachraum häufig als sogenannte Lehnübersetzung vorhanden), oder ob eine Alternative gesucht werden muss, die mit anderen Worten dasselbe aussagt. Funktioniert beides nicht, muss die Redewendung letztlich vollständig aufgelöst werden, weil die dahinterstehende Betrachtungsweise andernfalls in der Zielsprache unverständlich bliebe. Um diese Entscheidung in sprachlicher Hinsicht treffen zu können, muss der Sprachprofi über ein hohes Maß an kulturellem Wissen in beiden Sprachen verfügen. Auch mit einem noch so umfangreichen Vokabelschatz allein ist es da nicht getan.

Ausgangs- und Zielsprache kennen dasselbe Sprichwort

  • Tutte le strade portano a Roma. Alle Wege führen nach Rom.
  • Andare a Canossa. Den Gang nach Canossa antreten.
  • Gli occhi sono lo specchio dell’anima. Die Augen sind der Spiegel der Seele.
  • Roma non è stata costruita in un giorno. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.
  • Un male tira l’altro. Ein Unglück kommt selten allein.
  • La speranza è sempre l’ultima a morire. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
  • Le bugie hanno le gambe corte. Lügen haben kurze Beine.
  • Amor vecchio non fa ruggine. Alte Liebe rostet nicht.
  • Il più saggio cede. Der Klügere gibt nach.
  • Non c’è due senza tre. Aller guten Dinge sind drei.
  • Chi ha il danno ha pure le beffe. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.
  • Sbagliando s’impara. Aus Schaden wird man klug.

Ausgangs- und Zielsprache treffen dieselbe Aussage mit anderen Worten

  • Piove sempre sul bagnato. Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.
  • Occhio non vede, cuore non duole. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.
  • Acqua cheta rompe i ponti. Stille Wasser sind tief.
  • Quando si è in ballo bisogna ballare. Wer A sagt, muss auch B sagen.
  • Prendere due piccioni con una fava. Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.
  • Rendere pan per focaccia. Gleiches mit Gleichem vergelten.
  • Cane non mangia cane. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.
  • Tanto va la gatta al lardo che ci lascia lo zampino. Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht.
  • Meglio un uovo oggi che una gallina domani. Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.
  • Non si può avere la botte piena e la moglie ubriaca. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.
  • Chi va diritto non fallisce strada. Ehrlich währt am längsten.
  • Chi va piano va sano e va lontano. Gut Ding will Weile haben.
  • Chi primo arriva bene alloggia. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.
  • I pensieri non pagano gabelle. Die Gedanken sind frei.
  • Con la pazienza si vince tutto. Geduld ist eine Tugend.
  • Dove non ci sono capelli mal si pettina. Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche fassen.
  • Casa mia, casa mia, per piccina che tu sia, tu mi sembri una badia. Eigener Herd ist Goldes wert.
  • Tutto fa brodo. Kleinvieh macht auch Mist.
  • Fra il dire e il fare c’è di mezzo il mare. Leichter gesagt als getan.
  • All’ultimo tocca il peggio. Den Letzten beißen die Hunde.
  • Il marito si prende per la gola. Liebe geht durch den Magen.
  • Cadere dalla padella alla brace. Vom Regen in die Traufe kommen.
  • La superbia andò a cavallo e tornò a piedi. Hochmut kommt vor dem Fall.
  • Val più la pratica che la grammatica. Probieren geht über Studieren.
  • Chi dorme non piglia pesce. Morgenstund hat Gold im Mund.
  • La lingua batte dove il dente duole. Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über.
  • Volere è potere. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Die Ausgangssprache verwendet ein Sprichwort, für das es in der Zielsprache keine Entsprechung gibt

  • Morto un papa se ne fa un altro.
    Übersetzung: Stirbt ein Papst, sucht man sich einen neuen. Aussage: Niemand ist unersetzlich.
  • Tra moglie e marito non mettere il dito.
    Übersetzung: Nicht den Finger zwischen Ehefrau und Ehemann stecken. Aussage: Aus Ehestreitigkeiten hält man sicher besser raus.
  • Se gioventù sapesse, se vecchiaia potesse.
    Übersetzung: Wenn die Jugend wüsste, wenn das Alter könnte. Aussage: Am besten man lebt in der Gegenwart.
  • Ognuno tira l’acqua al suo mulino.
    Übersetzung: Jeder lenkt das Wasser auf seine eigene Mühle. Aussage: Jeder ist sich selbst der Nächste.

Wie geht man beim Übersetzen damit um?

Der Übersetzer muss bei der Arbeit am Text erkennen, dass es sich um ein Sprichwort oder eine Redensart handelt und diese als sprachliche Einheit übersetzen. Beim Zerlegen in die einzelnen Bestandteile ginge unweigerlich die Bedeutung verloren.

In Italien wünscht man sich mit „in bocca al lupo“ nicht wortwörtlich ins Wolfsmaul, sondern im Gegenteil viel Glück. Die Antwort lautet „crepi!“ Im Deutschen kennen wir „Hals- und Beinbruch“ – aus Aberglauben wünscht man das Gegenteil, um das Glück nicht herauszufordern.

Auch in der Fachsprache kommen Ausdrücke vor, die nur als sprachliche Einheit funktionieren und die der Übersetzer als solche erkennen und übertragen muss. Es reicht also nicht aus, zwei Sprachen zu beherrschen – die profunde Kenntnis der jeweils anderen Kultur ist für professionelle Übersetzer und Dolmetscher ein nicht zu unterschätzender Teil ihres Sprach- und Fachwissens.

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