Automatische Übersetzung? „Darauf gebe ich Ihnen Hammer und Nagel!“

Automatische Übersetzung? „Darauf gebe ich Ihnen Hammer und Nagel!“

Beitrag von Maren Paetzold | August 2014

Eine Betrachtung über Möglichkeiten und Grenzen der automatischen Übersetzung

Kennen Sie das: Sie lesen einen Text, der auf Deutsch geschrieben ist, aber dennoch nicht wirklich deutsch klingt? Oder Produktbeschreibungen und Websites, die fremd wirken oder womöglich gänzlich unverständlich bleiben?  Nicht immer denkt man dabei sofort an eine Übersetzung, oft findet sich auch keinerlei Hinweis auf Textherkunft oder Originalfassung in einer anderen Sprache. Sehr häufig begegnen uns aber bereits computergenerierte Übersetzungen.

Automatische Übersetzungen, oder auch maschinelle Übersetzungen genannt (MÜ bzw. MT, für engl. machine translation), reichen schon jetzt in unseren Alltag.

Auch professionelle Übersetzer setzen sich mit diesem Thema auseinander. Der 2014 in Berlin abgehaltene Weltkongress des Internationalen Übersetzerverband FIT (Fédération Internationale des Traducteurs), das größte Branchentreffen der Sprachdienstleister aus aller Welt, hat mit seinem Motto sogar diese neue Technologie in den Mittelpunkt gestellt: „Im Spannungsfeld zwischen Mensch und Maschine – Die Zukunft von Übersetzern, Dolmetschern und Terminologen“.

Tatsächlich hat mit der Zunahme digitaler Inhalte die Weiterentwicklung der automatischen Übersetzung zu beachtlichen Möglichkeiten geführt. Doch worauf basiert eigentlich eine maschinelle, also vom Computer ohne menschliche Unterstützung automatisch durchgeführte Übersetzung? Grundsätzlich gibt es zwei Modelle – regelbasierte und statistische Verfahren.
Was können diese zwei sehr grundverschiedenen Systeme leisten, wo können sie angewendet werden?

  • Regelbasierte Übersetzungssysteme „dekodieren“ einen Text mittels grammatischer Regeln und linguistischer Strukturen, die typisch für die jeweilige Sprache sind. Je mehr Regeln hinterlegt sind, desto besser ist die Qualität der Übersetzung. Entscheidend ist hier, Regeln für bestimmte Kontexte zu kodieren, also beispielsweise vorzugeben, dass mit „Bank“ das Geldinstitut gemeint ist und nicht die Sitzgelegenheit. Solche regelbasierten Verfahren sind sehr aufwändig zu erstellen und müssen für jedes Sprachenpaar einzeln definiert werden (funktionieren aber nicht für alle Sprachenpaare gleichermaßen gut – gerade Deutsch gilt hier als schwierig).
    Die regelbasierte maschinelle Übersetzung kann für sehr große Unternehmen, die großen Übersetzungsbedarf in bestimmten Sprachen und zu bestimmten Fachthemen haben, sehr interessant sein – bleiben diesen aber aufgrund des immensen und kontinuierlichen Aufwands vorbehalten.
  • Viel verbreiteter ist das statistische Verfahren für automatische Übersetzung, also die statistische Berechnung der Wahrscheinlichkeit des Zielsprachensatzes für einen Satz der Ausgangssprache. Das große Aufkommen digitaler Inhalte liefert eine inzwischen riesige Datengrundlage, aus der Textdaten automatisch extrahiert und analysiert werden. Die statistischen Systeme ermitteln Textmuster, die als Regeln für den automatisierten Übersetzungsprozess genutzt werden, und kombinieren diese mit den ebenso zahlreich verfügbaren Einträgen aus Wörterbüchern. Solche Systeme können trainiert werden, generell lässt sich aber festhalten, dass die riesigen Textmengen, die als Systemgrundlage dienen, weder nach Relevanz noch nach Qualität sortiert werden.

Beiden Verfahren gemein ist letztlich, dass ein Computer ein mathematisches Modell nutzt, um eine Sprache A in eine Sprache B zu „übersetzen“. Es lässt sich aber ganz einfach feststellen, dass Sprache nicht nach mathematischen Regeln funktioniert. Sprache basiert nicht einfach auf einer Aneinanderreihung von Wörtern, ein Wort ist nicht gleichzusetzen mit einer Bedeutung, mathematisch ausgedrückt: wordsmessage. Mark Twain wird das Bonmot zugeschrieben „Wenn dein einziges Werkzeug ein Hammer ist, wirst du jedes Problem als Nagel betrachten.“ Automatische Übersetzungssysteme haben eine nur sehr begrenzte Leistungsfähigkeit – es gilt zu beachten, für welche Textsorte und für welche Zwecke sie nützlich oder womöglich schädlich sein können.

Ob eine maschinelle Übersetzung gelingen kann, hängt sehr stark von der Textart ab. Immer gleich aufgebaute Texte könnten von einem automatischen System sogar gut gemeistert werden, als beliebtes Beispiel kann hier der Wetterbericht genannt werden. Benötige ich diesen zudem nur für private Zwecke, ist ein sofort und kostenlos verfügbares Übersetzungssystem eine gute Hilfe.

Handelt es sich um Fachtexte, die sich nicht auf eine stark standardisierte Form zurückführen lassen, sind automatische statistische Übersetzungssysteme kaum hilfreich oder sogar irreführend. Ein Beispiel aus einem italienischen Fachtext, der vom Online-Dienst Google Translate ins Deutsche übertragen wurde, zeigt das Dilemma einer „durchgehämmerten“ Übersetzung:

(Ausgangstext Italienisch) Il substrato di questa zona ha subito intensamente l’azione di modellamento esogeno operato dagli agenti morfodinamici; il paesaggio morfologico, infatti, risulta alquanto frammentario e irregolare, con numerosi rilievi e dorsali collinari variamente orientati, separati tra loro da un fitto sistema di avvallamenti e vallecole minori.

(Deutsche Übersetzung Google Translate) Der Untergrund in diesem Bereich wurde intensiv gearbeitet die Wirkung von exogenen Agenten morphodynamische Modellierung; Landschaft Morphologie, in der Tat, ist etwas zersplittert und unregelmäßig, mit zahlreichen Hügeln und Bergrücken in verschiedene Richtungen, durch ein dichtes System von Dips und Täler Minderjährigen getrennt.

Da dürften wohl einige Fragen offen bleiben oder gar erst entstehen. Es mangelt nicht nur an Präzision, diese Übersetzungsmethode reicht hier nicht einmal zu Informationszwecken – dieser Text bleibt einem Leser ohne Italienischkenntnisse schlichtweg unverständlich.
Möglichkeiten und Grenzen der automatischen ÜbersetzungEine weitere Hürde für automatische Systeme sind Unklarheiten oder Fehler im Originaltext, die von einem menschlichen Übersetzer berücksichtigt werden können. Was macht wohl die Übersetzungsmaschine aus mehr oder weniger offensichtlichen Fehlern?
Gänzlich ungeklärt ist auch die Frage der Haftung bei Übersetzungsfehlern, die auf automatische Übersetzungssysteme zurückgehen.
Es wird ein Traum bleiben, eine Sprache umfassend verstehen zu können, ohne sie gelernt zu haben. Es wird ebenso ein Traum bleiben, maschinelle Übersetzungen für alle Zwecke nutzen zu können. Die direkte und kostenlose Verfügbarkeit automatischer Übersetzungssoftware und eine schnelle Bearbeitung selbst großer Textmengen verleiten zu vermehrtem Einsatz. Um bei mehrsprachigen Veröffentlichungen und Verwendungszwecken in Unternehmen den Nagel auf den Kopf zu treffen, sollten Sie immer einen professionellen Übersetzer zurate ziehen!