Vulcano, die große Dame des Müßiggangs

Vulcano, die große Dame des Müßiggangs

//Übertragung ins Deutsche von Renate Albrecht//

Sieben Sünden, sieben Inseln:
Urlaub inmitten der Natur der Liparischen Inseln

Der Himmel ist ein ungebärdiger weißer Tiger
er spürt den einsetzenden Herbst, seinen drohenden Käfig
Der Wind zerreißt die Wellen mit flinken Klauen
der Schaum der Brandung legt sich über jede Erinnerung
Stromboli brodelt im Verborgenen
das Donnern der Lava erschüttert den Schlaf

Unruhe liegt in der Luft

Inspiriert vom morgendlichen Wind, der an Zweigen und Fensterläden rüttelt, schreibe ich diese Zeilen, während ich behaglich auf der Veranda sitze, vor einem atemberaubenden Panorama.

Wir befinden uns auf Vulcano, einer der Liparischen oder Äolischen Inseln (im Tyrrhenischen Meer, nördlich von Sizilien). Das Haus liegt versteckt zwischen den Felsen der Halbinsel Vulcanello, gegenüber eröffnet sich der Blick auf den majestätischen Stromboli, mit der kleineren Insel Panarea, die wie eine Gehilfin davorliegt. Aus dem Augenwinkel erblickt man die Anhöhen von Salina, Filicudi und Alicudi, die sich wie die Satelliten des Uranus am Horizont verlieren. Es gibt nichts Schöneres als den Beginn eines Septembertages, weit weg vom Festland und seinen Problemen, mit einem bewölkten Himmel, wie es ihn nur auf Inseln gibt. Es ist ein trügerischer Himmel, der bald wieder aufklaren wird, doch im Moment bietet er jede Ausrede, die Bewegungen zu verlangsamen, sich dem Müßiggang hinzugeben, denn vielleicht gibt es heute nichts zu tun. Doch der Tag übernimmt wieder die Regie, bald legt sich der Wind und macht der spätsommerlichen Wärme Platz.

Auf dem Weg ins Tal, hinunter zum Hafen und zu den Stränden, geht es am Sumpfgebiet des Pantano dell’Istmo entlang, der die Hauptinsel mit der viel jüngeren Halbinsel Vulcanello verbindet. Der Pantano dell’Istmo ist eines der beiden kleinen Feuchtgebiete, die es auf dem Archipel gibt. Es hat trotz der massiven Bautätigkeit, von der seit den siebziger Jahren ein Großteil der ebenen Gebiete betroffen ist, überlebt und sich auf beeindruckende Weise erholt. Jetzt dient es zahlreichen Arten von Zugvögeln als Rastgebiet: Flamingos, Schnatterenten, Spießenten, Wasserhühner, Blässhühner, Stelzenläufer, Mornellregenpfeifer, Sichelstrandläufer, Alpenstrandläufer, Kampfläufer – sie alle werden ausschließlich an diesem Ort gesichtet. Es sind intelligente Tiere – viel intelligenter, als wir zugeben würden – und sie wissen, dass hier der Müßiggang herrscht.

Nun ist es Zeit für das erste Bad an diesem Tag. An den lebhaften weißen Schwefelstränden oder an den ruhigen schwarzen Stränden im Westen? Es ist eine rhetorische Frage, denn jemand anders wird darüber entscheiden: Aiolos, der Gott der Winde, nimmt auch diese Mühe ab. Und so beginnt der Tag an dem Strand, der auf der dem Wind abgewandten Seite liegt.

Das Wasser liegt im Schutz der Dünen ruhig da und mit dem Verstreichen der Stunden ändert der schwarze Wasserspiegel seine Farbe. Hier zu baden ist ein unvergessliches Erlebnis. Ein paar Möwen schaukeln wenige Schritte vom Ufer entfernt im Wasser, zwei Flamingos untersuchen den Wassersaum wie eifrige Bademeister. Das Meer ist noch lauwarm und das Bad zieht sich lange hin, nur unterbrochen von Ruhepausen auf dem warmen, dunklen Sand.

Plötzlich erhebt sich ein Schwarm Schwalben in die Luft und die Blässhühner, die als letzte angekommen sind, picken hungrig nach den Algen im Meer. Und genau in diesem Augenblick wird uns bewusst, in welch wunderschöner Welt wir leben, als Lebewesen inmitten von Lebewesen, auf der ewigen Suche nach einem Ort, an dem Müßiggang keine Sünde ist.