Übersetzen für die Weinmesse Vinitaly 2019 – (nicht ganz) nüchterne Gedanken eines Kulturmittlers

Übersetzen für die Weinmesse Vinitaly 2019 – (nicht ganz) nüchterne Gedanken eines Kulturmittlers

Übertragung ins Deutsche von Carsten Mohr | Juni 2019

„Das Leben ist viel zu kurz, um schlechten Wein zu trinken.“  Johann Wolfgang von Goethe

Verliebt in eine Kultur, nicht nur des Weines wegen

Ich stehe in zwei Meter Höhe, inmitten der Krone eines meiner ältesten Olivenbäume, und mit einer Astschere jonglierend versuche ich, einen rebellischen Trieb herauszuschneiden. Plötzlich klingelt mein Handy: „Geo, es ist so weit, in einer Woche geht‘s nach Verona, wie jedes Jahr!“ Es war Federico, der in den Marken – wo ich herkomme – den feinsten Verdicchio keltert und dem ich wie bereits in den vergangenen Jahren auf der Weinmesse Vinitaly 2019 als Kulturmittler zur Seite stehen werde. Um den Kontakten mit den deutschen und österreichischen Einkäufern neuen Schwung zu verleihen, braucht es jemanden, der der deutschen Sprache mächtig ist und der mit Fachkenntnis und Kurzweil Gespräche mit ihnen führt, auf dass sie sich noch mehr in die italienische Kultur (und nicht nur die Weinkultur) verlieben.

Will man Wein verkaufen, gilt es fortwährend umherzureisen, Menschen zu treffen, Firmen zu besuchen und Kontakte aufzubauen – aber erst auf der Vinitaly erntet man die Früchte der Arbeit eines ganzen Jahres. Nach drei intensiven Messetagen zwischen Ständen von Osterien und Kellereien, zwischen Flaschen und Kartonverpackungen außergewöhnlichster Gestaltung, kehre ich mit folgenden Eindrücken nach Hause zurück.

Das Jahr 2018 aus Vertriebssicht

Jedes Jahr ist anders. Alles ist eine Frage des Wetters und der Niederschlagsmengen. Das vergangene Jahr war zweifelsohne positiv, trotz aller Unsicherheiten im Vertrieb angesichts eines torkelnden Vereinigten Königreichs und des Riesenmarktes China, den es erst noch zu erobern gilt. Gelitten haben unter dem Einbruch der Exportmengen im Vorjahr vor allem Spanien und Italien (- 7,8 %), während sich wertmäßig der Trend der letzten Jahre fortgesetzt hat, denn
Italien (+ 3,8 %), Frankreich und Spanien wachsen weiterhin genauso wie Portugal und Südafrika.

Qualität vor Quantität

Große Flaschenzahlen sind heute in Italien kein vorrangiges Ziel mehr und so strebt jeder Winzer – ob groß oder klein – nahezu krampfhaft nach Qualität. Der italienische Weinkonsum ist nämlich leicht rückläufig und ausländische Märkte erobert man nur mit höchster Qualität (was nunmehr endlich alle begriffen haben). Zweifelsohne lässt sich mithin behaupten, dass das erklärte Ziel Qualität lautet, auch wenn der Markt sich gerade in einem umfassenden Wandel befindet. Für sprudelnde Exporte mit einem Anstieg von 6 % weltweit und einem Umsatz von rund 6,2 Milliarden Euro sorgen die Schaumweine – Zugpferde sind hier in erster Linie die sich bestens verkaufenden Sorten Lambrusco und Prosecco; die Stillweine erreichen ein Volumen von 21,9 Milliarden Euro.

Neue Vertriebsmodelle

Die meisten Weinerzeuger haben mittlerweile erkannt, dass ein Behältnis nicht allein Mittel zum Zweck ist und weitaus mehr der Kommunikation dient, denn den Wert ihres Inhaltes kann eine gut designte Flasche sehr viel besser transportieren. In diesem Zusammenhang ist Wert nur ein anderes Wort für Qualität und die Flasche soll mithin in erster Linie kommunizieren, dass man in Italien exzellente Weine keltert. Ein schlechter Wein ist nämlich sehr viel schwieriger zu erzeugen als ein guter, auch wenn diese Profession alles andere als einfach ist.

Damit ein landwirtschaftliches Erzeugnis aus Italien in der Welt reüssiert, gilt es einige wenige, recht simple goldene Regeln zu befolgen.
1 – Kommunikation, das Narrativ zum Produkt, das Storytelling: Jede Flasche hat ihre eigene Geschichte zu erzählen, sie ist ein Vehikel der anthropologischen Werte, der Legenden und der metaphysischen Aspekte, dank derer sich das Produkt an den verschiedensten Orten behaupten kann.

2 – Marketing und Branding: Man entscheidet sich für einen bestimmten Wein, weil die Erwartungen an diesen Rebensaft all das einschließen, was einem zuvor nahegebracht wurde.

3 – Die territoriale Identität, die von grundlegender Bedeutung ist, weil sie dem Menschsein und der Menschlichkeit, der Humanität entspricht. Denn Homo, der Mensch, leitet sich von der lateinischen Wurzel humus ab und damit sind wir ja bereits ganz dicht an terra, der Erde, von der das Wort Territorium herstammt: Jeder Breitengrad hat seine eigenen Merkmale und ein guter Wein erlaubt es den Menschen, mit dem Herzen wie mit dem Geist Abstand zu finden, indem er Momente der Intimität und der Reflexion schafft.

Was das Interesse des Marktes weckt

Bei allgemein rückläufigem Konsum werden gleichzeitig Weine von Niveau bevorzugt, denen aus kultureller Sicht ein höherer Wert zukommt. Der heutige Käufer achtet in erster Linie auf Ästhetik, Ethik und Reinheit des Weines, auf seinen kulturellen Wert und die Erfahrung des Winzers. Auch wenn es – wie meistens – das Verhältnis dieser Elemente zueinander ist, das den Unterschied macht. Verbraucher sind sehr unterschiedlich und so gibt es unter ihnen auch jene, die auf den Preis achten. Generell gesehen sind es allerdings im Wesentlichen zwei Faktoren, die die Kaufentscheidung beeinflussen: das Etikett (im Supermarkt) und das Narrativ des Winzers (in der Kellerei). Während in den Mittelmeerländern einfachere, weniger tannin- und säurebetonte Rebensäfte geschätzt werden, bevorzugen die Konsumenten in den angelsächsischen Ländern und in Nordeuropa eher robustere Weine mit Körper.

Die Reaktion der italienischen Winzer

Das Schöne am Wein ist, dass keiner dem anderen gleicht, und in dieser Disziplin ist Italien die unangefochtene Nummer eins.  Denn entlang des Stiefels werden Weine gekeltert, die eine große Vielfalt aufweisen und deren Charakteristika stark variieren. Man denke nur an die Vielfalt der Namen: Famoso, Soave, Cortese, Dolcetto, Neretto, Brunello, Bianchello, Verdicchio.
In den Namen der Weine liegt sehr viel Fantasie und sie führen den Käufer auf eine lange Reise entlang der wunderschönen Halbinsel, die immer stärker von biologischer Erzeugung und einer zunehmend gehobenen Weinkultur geprägt ist. Kunden weltweit suchen einen reinen Wein aus gesunder Landwirtschaft, ohne Gift- und Schadstoffe jeglicher Art. Heute sind jedem Weinbauern vielerlei Techniken an die Hand gegeben, damit er Weine aus nichts anderem als Trauben erzeugen kann.

Die Zukunft ist mithin vorgezeichnet. Die Weinwelt wünscht sich von Italien, es möge als erstes Land zu 100 % auf biologische Erzeugung umsteigen. Vielleicht schafft Italien es nicht, das wäre allerdings sehr bedauerlich; sollte es dem Land jedoch gelingen, wäre es ein großartiger Erfolg. Die Eindrücke, die mir von dieser Weinmesse im Geist und am Gaumen verbleiben, lassen mich jedenfalls sicher sein, dass dies der richtige Weg ist.

George Frazzica ist Architekt und spezialisierter Fachübersetzer mit einer Leidenschaft für den Olivenanbau und all jene guten Erzeugnisse aus der Region Marken, in der er geboren und aufgewachsen ist.

 

Fotografien: Rebenreihen und Trauben der Rebsorte Serrapetrona, mit freundlicher Genehmigung des Fotografen Sauro Bellezza